Sophie Seckels

Veröffentlicht: 15. November 0011 von Leon in Biografien
Schlagwörter:

Sophie SECKELS, geb. Isenburger
geboren am 13. Juli 1864 in Friedberg, Hessen

Straße: Osterstr. 30
Todesdatum: Unbekannt
Todesort: Izbica
Sophie Isenburger wurde am 13. Juli 1864 in Friedberg in Hessen geboren. Sie war das achte Kind, und die vierte Tochter des Metzgers Moses Isenburger und seiner Ehefrau Bettchen, geb. Goldberg.
Die jüdische Gemeinde Friedberg hatte hat eine über 700 Jahre alte Tradition und war bis ins 19. Jahrhundert auch Rabbinatssitz gewesen. Neben der Synagoge und dem jüdischen Friedhof hatte die Gemeinde auch eine Mikwe gebaut, die noch heute als Sehenswürdigkeit zu besichtigen ist (Literaturhinweis s. u.).
Friedberg hatte um 1910 – 9.518 Einwohner, davon 491 (5,1%) jüdischen Glaubens. Zum Vergleich Aurich: 1925 – 6.136 Einwohner, davon 398 Juden (6,5%).
Am 18. November 1890 heiratete Sophie den drei Jahre älteren Kaufmann Seckel Joseph Seckels (geb. 18.1.1861) aus Aurich. Die Hochzeit wurde in Friedberg gefeiert, danach zog Sophie aus dem Wetterau-Kreis nach Ostfriesland. Aurich wird ihr nicht ganz unbekannt gewesen sein, denn ihre ältere Schwester Minna Eva, genannt Emma, hatte den Auricher Kaufmann Moses Feibelmann Seckels (geb. 25.11.1857) geheiratet.
(Seckel und Moses haben andere Eltern, sind also keine Brüder. Emma starb 1901 mit 45 Jahren, sie war Mutter von 9 Kindern).In Aurich zog Sophie in das Haus des Schwiegervaters Joseph Jakob Seckels mit ein, der hier in der Osterstraße 30 spätestens seit 1887 wohnte und sein Geschäft betrieb. Wohl gemeinsam mit seinem Sohn Seckel betrieb er ein „Manufaktur- und Modewarengeschäft“ (vgl. Eintrag Adressbuch Aurich 1926).Sophie und Seckel zogen drei Töchter und einen Sohn groß:
– Jacob Seckel, geb. 22.9.1891
– Elise, geb. 12.11.1892, verh. Halpern
– Georgine, geb. 21.11.1893, verh. Haberer
– Ottilie, geb. 6.5.1898, verh. Gottschalk

Ihre älteste Tochter Elise verließ Aurich als erste, sie folgte ihrem Ehemann Sally Halpern nach Nördlingen. Dort kam am 4. April 1924 Sophies erstes Enkelkind Werner auf die Welt. Elises zweites Kind Betty wurde am 11. April 1929 in Konstanz geboren. Im Mai 1926 heiratete ihre Tochter Ottilie Emmanuel Gottschalk, am 1. Juni 1926 zogen sie nach Krefeld. Und Georgine heiratete am 31. Oktober 1927 Berthold Haberer (1882-1942) aus Villingen und zog zu ihm in den Schwarzwald, in die Herdstraße 18. Enkel Joseph wurde am 31.Januar 1929 geboren, seine Eltern schickten Joseph mit einem Kindertransport im Dezember 1938 nach England. Nach dem Krieg wurde Joseph von seinem Onkel Jacob Seckels 1946 nach Kalifornien geholt (s. u. Link zum Stadtarchiv Villingen-Schwenningen). Georgine und ihr Mann werden am 22.10.1940 mit den Juden aus Baden und der Saarpfalz nach Gurs, Südfrankreich, deportiert. Am 7. Januar 1942 stirbt Berthold dort im Lager, seine Frau Georgine wird mit dem 17. Transportam 10.08.1942 von Drancy nach Auschwitz deportiert und vermutlich noch am Ankunftstag, dem 12.08.1942 ermordet (Gedenkbuch Bundesarchiv, s. u.).  Das Haus füllte sich erst wieder, als ihr Sohn Jakob 1928 Gitta Wolff aus Frielendorf, Kreis Ziegenhain (Hessen), heiratete und nach Aurich in die Osterstr. 30 holte. Kinder hatten die beiden keine.
Sophies Mann starb mit 75 Jahren am 25. Februar 1936 im städtischen Krankenhaus in Aurich, nachdem er auf dem Weg zur Synagoge offenbar von einem Auto absichtlich angefahren und schwer verletzt worden war.(Naomi Schlagman, Werner Halperns Tochter, berichtet mir in einer Mail: „Seckel Seckels, our grandfather, was killed while walking to synagogue in 1936. A car full of brownshirts drove by, opened the car door as it went by and knocked him to the ground. He was an older man and did not survive“. Werner Halpern berichtet: „He (Seckel) was a devout Jew who on walking to Shul was sideswiped on a sidewalk by an automobile and killed, an apparantly intentional attack“.)
Seckel Seckels konnte noch miterleben, dass Jacob am 5. November 1935 das Ehrenkreuz für Frontkämpfer verliehen wurde. Aber er hatte auch den Boykottaufruf in der Ostfriesischen Tageszeitung im Juli 1935 miterlebt: Auch sein Name und sein Geschäft standen auf der Liste. (vgl. Sonderausgabe der Ostfriesischen Tageszeitung vom 20.07.1935).

Sophie war als Alleinerbin eingesetzt worden. Sie blieb nur noch ein Jahr in Aurich. Im Februar 1937 verkaufte sie das Wohn- und Geschäftshaus mit Packhaus. Am 23. März 1937 verließ sie Aurich, mittlerweile 72 Jahre alt, um bei ihrer Tochter Ottilie in Krefeld zu wohnen. Jacob zog am gleichen Tag mit seiner Frau in deren Heimat, sie emigrierten schließlich in die USA.

In Krefeld hatte Ottilie am 19.09.1927 Sophies Enkelkind Henriette, genannt Hannah, zur Welt gebracht, sie wohnte dort in der Dissemer Straße 85 c. Vermutlich betrieb ihr Ehemann E. Gottschalk eine Altwarenhandlung. (Dies bestätigt Werner Halpern in einem Bericht: „Uncle Mannes Gottschalk was the owner of a scrap metal business“). Ihr Ehemann, der Kaufmann Emmanuel Gottschalk, verließ Krefeld am 31. Oktober 1938 und emigrierte nach Mexiko. (Es war wohl Cuba. Er versuchte von dort seine Familie nachzuholen, bzw. vorher über seinen Schwager Jacob in die USA einzureisen. Beides misslang. Er starb in den 40ger Jahren in Cuba.)Warum Ottilie und auch Sophie nicht gemeinsam mit ihm flohen, lässt sich nicht mehr klären. Ottilie stellte zwar einen Antrag zur Auswanderung, aber die dafür notwendige Ausstellung eines polizeilichen Führungszeugnisses wurde 1938 abgelehnt.

Im Oktober 1941 begann die Deportation der Krefelder Juden nach Litzmannstadt (Lodz) und später Riga, Izbica und Theresienstadt. Am 22. April 1942 verließ ein Deportationszug mit ca. 900 Personen (942/842) Düsseldorf, unter ihnen Sophie, Ottilie und Henriette. Am 24. April erreicht der Zug das Ghetto Izbica. Dort verlieren sich die Spuren.

Das einzige überlieferte Zeugnis in den Akten ist ein handgeschriebener Brief von Sophie Seckels vom 27. Juli 1937 aus Krefeld, in dem sie darum bittet, dass die Forderung des Amtsgerichts Aurich über 10 Mark und Porto (für den Erbschein) von den einbehaltenen 100 Mark zu bestreiten sei.
_______________

Es überleben: Der Sohn Jacob in den USA, der dort seinen Neffen (Sophies Enkel) Josef Haberer bei sich aufnahm. Ihr Enkel Werner Halpern, der Deutschland im April 1938 mit einem Kindertransport in die USA verlassen konnte und ihre Enkelin Betty Formann, geb. Halpern, die noch im Februar 1939 einen Platz in einem Schweizer Kindertransport bekam und ab Februar 1939 bei der jüdischen Familie Erlanger in Luzern unterkam.
Sophies Tochter Elise floh mit ihrem Ehemann im Juni 1939 nach Belgien. Nachdem die Deutschen in Belgien einmarschiert waren, floh Sally, in der Annahme nur Männer seinen gefährdet, mit seinem Bruder Leo Halpern 1940 nach Frankreich. Beide wurden jedoch im Lager Gurs interniert. Einige Konstanzer treffen dort Sally wieder. Es gelingt ihnen nach einigen Monaten zu fliehen und zu ihren Frauen zurückzukehren. Elise und Sally Halpern werden im August 1943 in das Sammellager Malines eingeliefert und von dort mit dem Transport vom 20.09.1943 nach Auschwitz deportiert. Dort verlieren sich alle weiteren Spuren.
Auch Georgine (Gedenkblatt von Yad Vashem zeigt ihr Foto) und deren Ehemann kamen in Auschwitz um.

(Quelle: Werner Halperns Lebensbericht „Sabba speaking“, ITS-Arolsen, den dieser für seinen Enkel in Druckform brachte)

 

Recherche: Astrid Parisius (Stand: 13.04.2012)
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
Ergänzt: 13.04.2012
Opfergruppe: Jude
Quellen: – StAA: Rep. 16/2, Nr. 1606; Rep. 107, Nrn. 1321, 2672 Rep. 251, Nrn. 392, 784; – Dep. 34 B, Nrn. 56, 1356.
http://www.villingen-schwenningen.de/statdtarchiv/joseph-haberer-preis/joseph-haberer.html
– Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945 (http://www.bundesarchiv.de)
Literatur – Zur jüdischen Gemeinde Friedberg, bei:
http://www.alemannia-judaica.de/friedberg_synagoge.htm

– Zu den jüdischen Bürgern in Krefeld: Berufskolleg Uerdingen bei: http://www.bkukr.de/index.php?id=488.
– Habben, Hans-Joachim, Von der Emanzipation bis zum Ende der Weimarer Republik. Die Auricher Judengemeinde 1866-1933, in: Herbert Reyer (Hrsg.), Die Juden in Aurich (ca. 1635-1940), Aurich 1992, S. 89-128.
Patenschaft: Reinhold Robbe
Verlegetermin: 8. November 2011
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s