Moritz Lachmann

Veröffentlicht: 22. November 0011 von kenodebelts in Biografien

Moritz LACHMANN
geboren am 18. Mai 1874 in Schwersenz (poln. Swarzedz), Kreis Posen

Straße: Marktplatz 15 (früher: Markt 15)
Todesdatum: 12. August 1942
Todesort: Litzmannstadt/Lodz
Moritz Lachmann wurde am 18. Mai 1874 in Schwersenz (poln. Swarzedz) im Kreis Posen geboren. Von 1891 bis zum Juli 1894 besuchte er die „Israelitische Lehrerbildungsanstalt in Würzburg“. Seine erste Stelle trat er in Bunde an, wo er von 1895 bis 1897 als Religionslehrer, Vorbeter und Schächter tätig war. Dann wechselte er nach Wittmund und unterrichtete dort fast 30 Jahre in der jüdischen Schule. Nebenher übte er dort auch Funktionen als Kultusbeamter und Schächter aus. Am 26. Oktober 1898 legte er in Kassel die zweite Lehrerprüfung ab. Von Wittmund aus betreute er auch Carolinensiel und hielt dort Gottesdienste ab.
Am 17. Mai 1900 heiratete er Friederike Hess aus Papenburg. Er hatte sie wohl in Bunde kennengelernt. Zusammen bekamen sie drei Söhne:
– Henry, geb. 7. April 1901,
– Jakob, geb. 8. Juni 1905, und
– Siegbert, geb. 29. Dezember 1912.
Moritz Lachmann nahm engagiert am Wittmunder Gemeindeleben teil: Er war lange Jahre Schriftführer des Männergesangsvereins und Mitbegründer der freiwilligen Sanitätskolonne Wittmund.
Moritz Lachmann, einziger Lehrer an der jüdischen Schule, erlebte noch 1911 die Einweihung des neuen Schulgebäudes in der Buttstraße, zu der er auch die Festrede hielt. Im „Anzeiger für Harlingerland“ wurde das Ereignis ausführlich gewürdigt: Moritz Lachmann „schloß seine Worte mit einem Hoch auf Seine Majestät unsern König und Kaiser. Der Gesang der Kaiserhymne beendete die Feier.“ Doch schon 1924 kam der Schulbetrieb zum Erliegen, es gab zu wenig Schüler. Moritz Lachmann wurde in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Zwei Jahre später zog die Familie Lachmann nach Aurich, wo Moritz Lachmann an der dortigen jüdischen Schule eine neue Anstellung fand. Seine Sangesbrüder in Wittmund verabschiedeten Moritz Lachmann „als leuchtendes Vorbild, der in treuer Pflichterfüllung und Gewissenheit sein Amt ausführte“ und ermöglichten ihm weiterhin beitragsfrei Mitglied zu bleiben. In Aurich meldete sich die Familie am 23. Februar 1926 an. Sie bezog die Wohnung in der oberen Etage der Schule, Kirchstr. 13, neben der Synagoge. Auch hier übernahm Moritz Lachmann die Aufgaben eines Kultusbeamten. Um 1930 war er Mitglied im Auricher Männergesangverein „Frisia“. 1933 wurde er aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ endgültig in den Ruhestand versetzt. Bis 1938 soll er allerdings noch unterrichtet haben.
Der Sohn Henry Lachmann war viele Jahre Vorsitzender des jüdischen Jugendbundes in Aurich. Henry, Jakob und Siegbert verließen Aurich in den 30er Jahren und konnten rechtzeitig in die USA emigrieren.
Nach der Pogromnacht im November 1938 musste das Ehepaar seine Wohnung verlassen, die Synagoge, in direkter Nachbarschaft der jüdischen Schule, war in der Nacht vom 9. auf den 10. November niedergebrannt worden. Beide wurden vom Kaufmann Joseph Hess aufgenommen, einem Bruder Friederikes, der in dem alten Bürgerhaus Am Markt 15 wohnte. Aber schon am 23. Februar 1939 mussten sie in das jüdische Altersheim in der Claas-Tholen-Straße in Emden umziehen.
Am 23. Oktober 1941 wurden Moritz und Friederike Lachmann mit 120 weiteren Juden aus dem Altersheim über Berlin in das Ghetto Litzmannstadt / Lodz deportiert. Den Tod seiner Ehefrau Friederike im Januar 1942 konnte Moritz Lachmann noch seinen Kindern in den USA mitteilen, er selber starb am 12. August 1942.
Recherche: Astrid Parisius (Stand: 8.11.2011)
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
Fotos und Texte – Foto: Moritz Lachmann mit einer Klasse der jüdischen Schule in Wittmund 1911/12
– Todesanzeige Friederike Lachmann
– Ansprache von Roberto Lichtenstein, Großneffe von Friederike und Moritz
Lachmann, anlässlich der Verlegung der Stolpersteine am 8. November 2011

– OZ-Artikel vom 05.11.11
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: (Auswahl) Rep. 16/1, Nr. 259, Rep. 16/2, Nrn. 24, 1606, 1731, Rep. 17/4, Nr. 481; Rep. 41, Nrn. 90, 992; Rep. 44, Nrn. 710, 724.
Literatur – Eichenbaum, Edzard, Genealogie der jüdischen Familien aus Wittmund, Wittmund 2005.
– Eichenbaum, Edzard, Die jüdische Schule in Wittmund und ihre Lehrer Wittmund, (Heimatkundliche Blätter, 2) Wittmund 2005.
– Eichenbaum, Edzard, Genealogie der Familie Moritz Lachmann in Wittmund, Wittmund 2011.
– Gramberg, Kalli, Aurich von C.B. Meyer bis auf unsere Tage. Drittes Buch, Aurich 1996.
– Uphoff, Rolf: Reise ohne Wiederkehr. Wege in das Grauen. Die Deportation der letzten jüdischen Bürger Emdens, Nordens und Aurichs, herausgegeben vom Stadtarchiv Emden in Zusammenarbeit mit der Max-Windmüller-Gesellschaft, Emden 2011.
Patenschaft: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreisverband Aurich
Verlegetermin: 8. November 2011



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Liebe Tante Rieke, lieber Onkel Moritz.
Es ist für mich eine große Ehre heute hier in Aurich bei Eurer Stolpersteinversetzung als einziger Vertreter Eurer Familie dabei zu sein.
Ihr habt mich leider nie kennengelernt, da ich ja erst circa 20 Jahre nach Eurer Ermordung in Polen durch das Nazi Regime geboren bin.
Also will ich mich erst einmal vorstellen, ich bin Roberto, Euer Großneffe, Enkel von Deinem Bruder Joseph Hess, Tante Rieke, dessen Haus genau an diesem Ort, Am Markt 15, stand.
In diesem Haus fandet Ihr Unterkunft als Ihr nach der Kristallnacht im November 1938 zwangsweise Eure Wohnung über der jüdischen Schule verlassen musstet, wo Du, Onkel Moritz, seit 1926 Lehrer warst.
Ihr habt die Kristallnacht sicherlich aus nächster Nähe erlebt, leider kennen wir aber keine Details darüber.
Aber meine Mutter Else Inge, zur Zeit 81 Jahre alt und Eure Nichte, die jetzt in einem Altersheim in Buenos Aires, Argentinien lebt, erinnert sich noch sehr lebhaft an die Kristallnacht.
Sie war damals nur 8 Jahre alt.
Sie erzählte mir noch vor ein paar Tagen, dass alle Juden zusehen mussten, wie die Synagoge brannte.
Meine Mutter marschierte vorbei, als das Dach zusammenstürzte.
Drei Jahre lang hat sie keine Zündhölzer mehr angefasst, so sehr hat sie dieses traumatische Erlebnis belastet.
Sie erzählte mir auch welch einen Kummer meine Großmutter Rosel und sie hatten, als mein Großvater Joseph für 24 Stunden in Haft genommen wurde.
Er wurde aber glücklicherweise wegen fortgeschrittenen Alters freigesetzt.
Dein Bruder Josef, mit Frau und Kind, ist kurz nach Eurer Zwangsversetzung in das Altersheim in Emden, im März 1939, nach Argentinien ausgewandert.
Trotz der vielen Demütigungen weinte Dein Bruder, mein Großvater, Josef, als das Schiff Monte Rosa den deutschen Hafen verließ.
In Argentinien hat Eure Nichte Else Inge meinen Vater Bert kennengelernt und geheiratet.
Ich bin Einzelkind, habe vor 25 Jahren meine Frau Andrea geheiratet und ihr habt sogar zwei Uhrneffen, ein junger Mann schon 20 Jahre alt, ein junges Mädchen, gerade erst 17 geworden.
Wie Ihr wisst, sind Eure drei Söhne nach Amerika ausgewandert. Sie bekamen 1942 eine Karte, wahrscheinlich über das Rote Kreuz, dessen Unterschrift lautete: „Moritz Lachman, Witwer“.
Du warst also ein sehr kluger Mann, lieber Onkel Moritz, Du wusstest dass Details über das, was in den Gettos und KZs geschah, sofort zensuriert geworden wäre und Deine Karte höchstwahrscheinlich nie angekommen wäre.
So aber erfuhren deine Söhne von deinem Tod, Tante Rieke, und so hattest Du wenigstens eine Todesanzeige im „Aufbau“, eine amerikanische-jüdische Zeitschrift.
Wir hatten immer mit Henry, James (Jakob) und Sigbert Kontakt. Als sie noch alle in New York lebten, hat meine Mutter sie im Jahr 1955 besucht.
Dann ist Sigbert nach Philadelphia und Henry und James nach Santa Barbara in Kalifornien gezogen.
In Kalifornien besuchte ich sie gleich zweimal, einmal in 1977, das zweite Mal in 1989 mit meiner Frau. Sie waren sehr lieb zu mir und ich habe sie auch sehr gern gehabt.
Ich habe auch damals Eure Enkelkinder und Urenkel kennengelernt, leider haben wir den Kontakt mittlerweile verloren.
Ich habe versucht, den Kontakt vor dieser Reise wieder aufzunehmen und mehr über Euch zu erfahren, es ist mir aber leider nicht gelungen.
Ich kann aber berichten, dass Euer Enkel Ralph Lachman, Sohn von Jakob/James ein hochverehrter Mediziner, spezialisiert auf Knochengenetik, ist und dass Eure Enkelin Marlene, Tochter von Sigbert und Rechtsanwältin, es zu hohen Positionen in der amerikanischen Justiz gebracht hat.
Ihr könnt stolz auf sie sein, das Leben hat über den Tod triumphiert!
Lieber Onkel Moritz, ich möchte Dir auch erzählen, dass der Mizrach, den Du eigenhändig angefertigt hast, immer im Wohnzimmer im Hause meiner Großeltern und dann von meinen Eltern gehangen hat.
Und jetzt hängt er im Zimmer meiner Mutter, im Altersheim, und wenn sie einmal nicht mehr da ist, wird er wieder zu uns in unser Haus kommen.
Mizrach bedeutet Osten, gen Osten beten wir Juden und nach Osten wurdet Ihr von der Nazi Barbarei verschleppt.
Heute sind wir hier, um Eurer Seelen zu gedenken und Stolpersteine einzuweihen, damit die kommenden Generationen nicht vergessen, welch grausames Schicksal vielen jüdischen Bürgern von Aurich während des Nazi Regimes zugefahren ist.
Ich möchte aber auch dankbar sein, dass ein Teil Eurer Familie überlebte und dass ich deswegen hier dabei sein kann, um Euch zu ehren.
Auch will ich betonen, dass es im jetzigen Deutschland vergangenheitsbewusste Bürger gibt, die sehr wertvolle Initiativen, wie diese Stolpersteinversetzung, einleiten. Vielen Dank, dass Sie mich hier begleiten!
Wir wollen auch hoffen, dass Initiativen wie die heutige dazu beitragen, dass was unter dem Nazi Regime geschah, nie wieder passiert.
Also, liebe Tante Rieke, lieber Onkel Moritz, Ihr seid bis jetzt nicht vergessen und wir werden Euch auch in Zukunft nicht vergessen.
In Liebe, Eure Familie!

Geplante Ansprache von Roberto Lichtenstein, Buenos Aires, anlässlich der Verlegung der Stolpersteine für Moritz Lachmann und Friederike Lachmann geb. Hess am 08. November 2011. Sie wurde wegen der unfallbedingten Abreise von Herrn Lichtenstein in seinem Auftrage von Elfriede Lübbers verlesen.


OZ-Artikel vom 05.11.11

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