Sonja Samson

Veröffentlicht: 17. April 1012 von kenodebelts in Biografien

SONJA SAMSON
geboren am 30. Januar 1931 in Aurich

 

 

 

Straße: Am Neuen Hafen 2
Todesdatum: Überlebt
Sonja Samson wurde am 30.Januar 1931 in Aurich geboren. Sie ist das einzige Kind der Familie Josef Ruben Samson und Carla geborene Hoffmann. Sie wird in Aurich nur Sonie gerufen, Sonja nur, wenn sie von den Eltern ausgeschimpft wird.Ihr Vater ist Viehhändler, dessen Vater Ruben Josef und dessen drei weitere Brüder sind ebenfalls Viehhändler. Ihre Mutter stammt aus Dillingen, Saargebiet, wo das Paar am 13.04.1928 heiratet. Sie ziehen am 3.06.1928 in das Haus am Neuen Hafen 2. Carlas Eltern – Adolf Hoffmann und Hildegard geborene Löw – hatten es für das junge Paar gekauft. Dieses Haus wird übrigens im Zuge der Zwangsarisierung nicht verkauft, sondern es wird eine Sammelstation vieler jüdischer Bürger, die ihr Haus zuvor unter Zwang verkaufen müssen, und anderer Versprengter, ein „Judenhaus“ also. Nachdem die Besitzerin, die Witwe Hildegard Hoffmann deportiert wird und umkommt, konfisziert das Finanzamt das Haus 1943 und trägt sich in das Grundbuch ein.Adolf Hoffmann, der Großvater von Sonja selbst stammt aus Aurich. Er ist Sohn des Zwi aus der Wallstraße 24. Sein Bruder ist Louis, dem 1939 die Auswanderung nach Milwaukee mitsamt Sohn und Schwiegertochter Herta Goldschmidt gelingt. Diese Familie wird später Sonjas Anlaufstelle der Emigration und Anfang eines neuen Lebens in Amerika werden.

Die Ehe der Eltern ist nicht glücklich. Ihre Mutter ist viel außer Haus, manchmal nimmt sie sie mit auf langen Bahnreisen. Ein Kindermädchen zieht sie groß. Die Situation der Eltern beeinflußt auch Sonja. Sie geht deshalb gerne von zu Hause weg zu ihren Tanten und Onkeln in der auricher Innenstadt.

Ihre Eltern erkennen früh die Gefahren der neuen Zeit. Sonja wird vorweg 1936 zu ihren Großeltern Adolf und Hilde Hoffmann nach Ettelbruck in Luxemburg gebracht. Ihr Großvater Adolf schult sie in einer katholischen Mädchenschule ein.

Am 13. Mai 1937 verlassen ihre Eltern Aurich und ziehen nach Rocquigny Ardennes Frankreich. Sonja wird nachgeholt.

Sonja trifft ihre Eltern erst wieder in Frankreich. Ihr Vater meldet sich als Freiwilliger zur französischen Armee, doch er wird am 5.09.1939 mit Kriegsausbruch in Gurs interniert. Carla ist mit ihrer Tochter nun allein. Im Mai 1940, bevor deutsche Kanonen Rocquigny bestreichen können, müssen die beiden dieses Departement zur Ostgrenze verlassen. Sie ziehen nach La Roche-sur-Yon an der Atlantikküste. Sie wohnen in einem Hotel. Die Möbel und der Hausrat sind untergebracht. In den Schulen fällt Sonja schnell durch rasches Begreifen und gute Zeugnisse auf.

Sonja und ihre Eltern sind kurze Zeit in Gurs interniert, dann leben sie frei in Garlin, einem Dorf in der Nähe von Gurs bis zum 26. August 1942, als die französische Polizei alle in einer Razzia festnimmt und erneut in Gurs inhaftiert. Anfang September werden sie nach Rivesaltes bei Perpignan verlegt. Dort werden von der französischen Polizei alle paar Tage Insassen in Listen erfasst und mit der Bahn abtransportiert. Es soll über das Sammellager Drancy in ein Lager nach Polen gehen. Einem Ziel wovon alle wissen, es ist das Ende.

Am 16.09.1942 ist es für die Samsons so weit. Alle müssen sich in alphabetischer Reihung aufstellen, auf dass die Liste getippt wird, Zeile um Zeile in sauberer Ordnung, eine jede vom Leben zum Tod. Carla versucht ihre Tochter bei einer auf dem Lagergelände arbeitenden Hilfsorganisation für jüdische Kinder, der Œuvre de Secours aux Enfants (OSE), abzugeben, auf dass sie nicht in die Reihe zur Erfassung muss. Die Herbergsdame lehnt ab, das Haus ist schon komplett voll mit werdenden Waisen. Dann – nur noch eine Person vor dem Buchstaben S, es erscheint die Herbergsmutter plötzlich und ruft: „wir nehmen sie doch!“ Sonja wird im letzten Moment aus der Reihe herausgezogen und in das Haus der Kinder gebracht. Sonja kann den Moment gar nicht begreifen. Sie will wieder zu ihren Eltern. Zu ihrem Schreck und muss sie nun sehen: Es ist keiner mehr da. Tage noch läuft Sonja im Lager verzweifelt umher, wer ihre Mutter doch noch gesehen hat. Sie trüge ein Kleid genauso eins wie sie trägt: Es ist in tiefem Purpur mit kleinen Karos und gelben dünnen Linien.

Die Frau, die Sonja in letzter Sekunde gerettet hat, war eine ganz entfernte Verwandte ihrer Mutter und eine Schwägerin des Gründers und Vorsitzenden von OSE, Dr. Olschwanger.
Sie sieht ihre Eltern nie wieder, sie werden in Auschwitz sofort bei Ankunft ohne bürokratische Zwischenprozedur ermordet. Tiefer Schmerz aus Trennung und Verlust lässt sie bis heute nicht los.

Sonja wird zuerst in einem Kloster, dann in einem Waisenhaus in Palavas-les-Flots zusammen mit anderen jüdischen Kindern versteckt, welches unter der Aufsicht der Union Generale des Israelites de France und von OSE steht. In nächster Station lebt sie bei versteckt lebenden entfernten Verwandten, dann in einem Internat in Chambery, und immer in laufender Angst vor Entdeckung. Einmal versucht sie die Schweizer Grenze zu überschreiten, was aber misslingt.

Sonja arbeitet als Bedienmädchen in einem Schanklokal, welches ein Treffpunkt der Résistance ist. Sie legt sich eine neue nichtjüdische Identität als Kriegswaise zu und beteiligt sich an katholischen Handlungen, um nicht aufzufallen. Sie kann das Vertrauen der Résistance-Kämpfer erlangen und wird Meldegängerin.

Nach dem Krieg schließt sie sich der Haschomer Hatzair in Paris an. Das ist eine Art Pfadfinderbewegung mit dem Ziel der Einwanderung nach Palästina. Sie entscheidet sich dann aber anders. Anstatt die Aliyah mit ihren Freunden zu machen, wandert sie 1947 von Schweden mit der „Gripsholm“ in die USA, nach Milwaukee, IL, aus.

Die Anpassung an das Leben in den Vereinigten Staaten ist zunächst schwierig. Sie schafft den Abschluss an der Riverside High School in Milwaukee. Sie studiert Psychologie mit dem Abschluss PHd, was dem deutschen Doktor entspricht. Sie arbeitet als klinische Psychologin bis 1986 in Avenel, NJ, zuvor Princeton, NJ. Sie hat also ihr eigenes Trauma zum Beruf und zur Hilfe anderer gemacht. Heute lebt sie in Chicago.

1952 tritt sie als Klägerin zusammen mit ihren Onkeln Hans Samson (NY), Benno Simon Samson, Josef Samson und ihrer Tante Marga Van Geebergen in Rückübertragungsklagen als Erbberechtigte der Häuser und Liegenschaften Zingelstraße 3 (ihr Großvater) und Sandhorst-Coldehörn, auf.

Recherche: Jörg Peter (Stand 26.04.2013)Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
Fotos: – Sonja Samson, Sommer 1935
– Carla Samson mit Tochter Sonja, Südfrankreich, Datum unbekannt
– Carla Samson mit Tochter Sonja
– Jüdische Gefangene vor dem Abtransport aus Rivesaltes nach Drancy
– Kinder im Gefangenenlager Rivesaltes
– Sonja Samson, Schulfoto
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Rep. 251 Nr. 15, 815 und 1158; Rep. 16/1, 5398;http://www.gratz.edu/default.aspx?p=11288 … Abstract einer Abschrift eines Tonbandinterviews aus fünf Audio-Kassetten, durchgeführt am 3.Juni 1985 von Nora Lewin
Literatur:
Patenschaft: John Gibbs
Verlegetermin: 22. März 2012
Sonja_Samson_Sommer_1935

Sonja Samson (ganz rechts), Sommer 1935

 

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Carla Samson mit Tochter Sonja, Südfrankreich, Datum unbekannt

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Carla Samson mit Tochter Sonja, Südfrankreich, Datum unbekannt

DAte: Tuesday, September 01, 1942

Jüdische Gefangene vor dem Abtransport aus Rivesaltes nach Drancy

Rivesaltes, France, children in the detention camp

Kinder im Gefangenenlager Rivesaltes

Sonja_samson_schulfoto

Sonja Samson Schulfoto

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