Jenny Salomon „Minna“ Samson, geb. Windmüller

Veröffentlicht: 26. Dezember 1914 von westermayer in Verlegung

Jenny Salomon „Minna“ SAMSON geb. WINDMÜLLER Jenny Samson - Stein
geboren am 26. September 1881 in Emden

 

 

 

Straße: Nürnburger Straße 24
Todesdatum: unbekannt (Deportation Ghetto Warschau am 31.03.1942)
Todesort: unbekannt
Jenny Salomon gen. „Minna“ Samson geb. Windmüller wird am 26. September 1881 in Emden geboren. Sie heiratet 1908 den Schlachter Jakob Hartog, welcher 1934 stirbt. Jenny hat drei Schwestern und einen Bruder. Ihre Zwillingsschwester Betti ist die erste Frau von Jakob Hartog. Als diese 1905 kinderlos stirbt heiratet Jakob Jenny. Jakob betreibt mit seinem Bruder Simon Hartog Samson einen Schlachterbetrieb in der Markstraße 19 und auf Norderney in der Winterstraße 5.

Jenny bekommt drei Kinder: Hugo, Betti und Resi. Hugo lernt Schlachter und arbeitet an vielen Stellen in Deutschland. Die Töchter gehen in Stellung in jüdischen Ferienheimen und Pensionen vorwiegend auf Norderney, weiter in Emden, Groningen, Farmsum und Esens.

1937 erkrankt Jennys Tochter Resi psychisch und kommt erstmalig in der privaten Heil- und Pflegeanstalt Ilten bei Hannover unter. Wieder in Aurich veranlasst die Mutter eine neue Einweisung ihrer Tochter. Ein Dr. Müller aus Aurich vermerkt:

Frl. Samson ist seit mehreren Wochen geistesgestört, sie ist sehr bösartig und wird handgreiflich. Anstaltsaufnahme ist notwendig. In der Familie mütterlicherseits sind mehrere Familienmitglieder gemütskrank, Resi nach eigenem Bekunden nervenkrank.  
Jenny muss am 20.03.1940 nach behördlicher Anweisung Aurich verlassen. Sie zieht nach Hamburg zu einem Verwandten der Samsons aus Norden. Später wohnt sie im Daniel-Wormser-Haus in der Westerstraße 27. Das Daniel Wormser-Haus ist ein Auswandererheim der jüdischen Wohlfahrtspflege. Mittellose osteuropäische Auswanderer, welche auf die Überseefahrt warten, konnten dort unterkommen. Mit Kriegsbeginn wird es ein Judenhaus.

Am 1.04.1941 schreibt Jenny, zum Zeitpunkt als ihre Tochter bereits vor einem halben Jahr in Brandenburg ermordet wurde, an den Direktor der Heil- und Pflegeanstalt:

Sehr geehrter Herr Direktor: Da ich solange nichts von meiner Tochter Resi Samson gehört habe bitte ich um Mitteilung wo dieselbe sich aufhält oder ob sie noch in Osnabrück ist.

Der Anstaltsleiter Kracke macht dazu eine Bleistiftnotiz:

Sie ist am 21/9 40 abtransportiert – Gemeinnützige Transportgesellschaft mbH Berlin W9 Potsdamer Platz 1.

(Foto s. unten)
Aus der Interpretation der Archiv-Dokumente und dem heutigen Wissen über den Ablauf und typische Vertuschungsmuster der Euthanasie-Aktionen, wird deutlich: Die Samsons sollten das Schicksal von Resi nicht erfahren, und die Fürsorgeverantwortlichen wussten über Ziel und Zweck der letzten Verlegung ihrer Schützlinge. Sie waren Teil der geheimen staatlichen Organisation zur Ermordung „nutzloser Existenzen“ oder „andersstämmiger Untermenschen“. Sie heißt später T4-Aktion nach der Adresse Tiergartenstraße 4, Berlin. Zum Zeitpunkt des Schreibens agierte diese Organisation noch im Columbus-Haus am Potsdamer Platz.

Der Anstaltsleiter weigert sich die Fragebögen (zur Selektion) der „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“ auszufüllen, bzw. legt der Anzahl nicht genügend vor, so dass am 8. Mai 1941 ein Schreiben an die aufsichtsführende Behörde ergeht:

„Sehr geehrter Herr Landesrat!

Auf Ihr Schreiben erwidere ich Ihnen, dass die Herren Dr. Steinmeyer und Dr. Sträub beauftragt waren, in Osnabrück eine Nachprüfung vorzunehmen. Diese Nachprüfung ist deswegen notwendig, weil die Anstalt Osnabrück unverhältnismässig wenig Meldebogen übersandt hatte. Ich bitte Sie, sich zunächst über die Art der Ausfüllung der Meldebogen eingehend berichten zu lassen und mir diesen Bericht zugänglich zu machen. Ich betone schon jetzt, dass nach meinem Dafürhalten die Anstalt Osnabrück wesentlich mehr Meldebogen hätte ausfüllen müssen, und dass sich ein Besuch durch Beauftragte der Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten wohl kaum umgehen lassen wird.

Heil Hitler! gez. Heyde .

Anm.: Dr. Heyde, verantwortlich für die Ermordung von 100.000 Menschen, nennt sich nach dem Krieg Dr. Sawade und arbeitet unbeschadet als nervenärztlicher Gutachter für viele Institutionen in Schleswig-Holstein. Erst die Ermittlungen des Frankfurter Generalstaatswaltes Fritz Bauer machen diesem ein Ende. Sawade begeht vor Prozessbeginn am 13. Februar 1964 im Zuchthaus Butzbach Selbstmord. Die Geschichte der Aufdeckung Heydes ist zugleich die exemplarische Geschichte der fortgesetzten Vertuschung krimineller Handlungen früherer Staatseliten. Beteiligt in der Heyde-Sawade-Affäre waren unzählige bis in höchste Staats- und Verbandsspitzen.
In Osnabrück gibt man 1941 dem Druck nach und schickt im gleichen Monat 99 weitere Meldebogen ab.

Jenny zieht zu ihrer Tochter Betti und Ehemann nach Hannover in der Celler Straße 152. Kurz vor der Deportation werden Jenny, ihre Tochter Betti und Ehemann Alfred in dem nahegelegenen KZ Ahlem, einst eine israelitische Gartenbauanstalt und Hachschara[1]-Schule (Foto s. unten), zur Sammlung inhaftiert.

Am 31.03.1942 werden alle in das Ghetto Warschau deportiert. Im Wege der Ghettoräumung werden sie wahrscheinlich weiter nach Treblinka deportiert. Von Jenny Samson, genannt Minna, gibt es nach dem 31.03.1942 kein Lebenszeichen mehr.

 

[1] Hachschara (hebräisch הכשרה „Vorbereitung, Tauglichmachung“) wurde die systematische Vorbereitung von Juden auf die Alija (Aufstieg nach Israel) bezeichnet

 

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
(Stand 21.03.2013)

Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Rep. 251 Nr. 15, 815 und 1158, Rep. 34 C 494; Meldeblätter; Kennkarten; Staatsarchiv Hannover; Staatsarchiv Osnabrück Rep 727 Akz. 13,85 Nr3941
Literatur:
Patenschaft: Fa. Pollmann&Renken
Verlegetermin: 21. Februar 2013

 

Samson, Jenny Rep727Akz13,85Nr3941,008 Samson, Jenny   Die Israelitische Gartenbauschule Ahlem

 

 

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