Resi Samson

Veröffentlicht: 26. Dezember 1914 von westermayer in Verlegung

Resi SAMSONResi Samson - Stein
geboren am 29. August 1906 in Aurich

 

 

 

Straße: Nürnburger Straße 24
Todesdatum: 1940 (genaues Datum unbekannt)
Todesort: Brandenburg
Resi Samson wird am 29. August 1906 in Aurich geboren. Ihre Eltern sind Jakob Hartog und Jenny Salomon geb. Windmüller. Sie hat eine jüngere Schwester Betti und einen noch jüngeren Bruder Hugo. Ihr Vater ist Schlachter zusammen mit seinem Bruder Simon Hartog im Betrieb in der Markstraße 19. Der Vater Jakob Hartog Samson betreibt zusätzlich im Sommer einen Schlachterladen auf Norderney um jüdische Gäste mit koscherem Fleisch zu versorgen. Er stirbt 1934.

Resi arbeitet nach dem Besuch der Volksschule im mütterlichen Haushalt und hat später, stets saisonbezogen, viele Haushaltsstellungen in Hotels und Pensionen inne. Auch ist sie 2 Jahre lang einmal in Holland (Farmsum bei Delfzijl). Im Januar 1937 kommt sie zurück, weil sie Heimweh hat und schwanger ist.

Resi arbeitet z. T. auch mehrfach in:
1926 Magdeburg
1927 Camberg (Limburg)

·         Hamburg,

·         Norderney, Langestraße 17 (verm. 13 Schlachter Siegfried de Vries)

·         Norderney, Moltkestraße 11 (Pensionshaus des Dr. Ferdinand Steingießer

·         Norderney, Benekestraße 44   Kindererholungsheim der Zions-Loge Hannover (dort arbeitet auch ihre Schwester Betti)

·         Farmsum.

1937 erkrankt Resi psychisch und kommt erstmalig in der privaten Heil- und Pflegeanstalt Ilten bei Hannover unter. Der Direktor der Heilanstalt Langenhagen diagnostiziert am 5. April 1937:

Rosi Samson, jüdischer Konfession, ledig, ist am 18.8.1906 zu Aurich als Tochter des Schlachters Jakob Samson geboren. Patientin wurde am 20. März ds. Jhs. hier aufgenommen mit einem ärztlichen Attest des Dr. Löwenstein, weil sie an einer reaktiven Gemütsdepression und Hemmungszuständen mit Selbstmordgedanken leidet. Sie wurde aus der Anstalt Ilten gebracht, in die sie vor einigen Tagen eingeliefert war. Sie soll im 4. Monat schwanger sein. Nach telephonischer Mitteilung war sie aus Emden zugereist und erkrankte in Hannover. Äußerlich war sie ruhig, abweisend und wortkarg. Sehr häufig versuchte sie sich mit dem Nachtjackenärmel zu erdrosseln. Nach ihren Angaben starb der Vater mit 72 Jahren, die Mutter lebt und ist nervenleidend. Zwei Geschwister sind gesund. […] Sie sei schon als Kind schwermütig gewesen und mit sich selbst unzufrieden, „ich war immer so ein komischer Mensch“. Keine Geschlechtskrankheiten. Nach dem Besuch der Volksschule war sie im mütterlichen Haushalt tätig und hatte später Haushaltsstellungen in Hotels und Pensionen inne. Auch war sie 2 Jahre lang einmal in Holland. Im Januar 1937 kam sie zurück, weil sie Heimweh hatte und schwanger war. Über ihre Schwangerschaft spricht sie sich nicht weiter aus. […] Es besteht eine starke gesichtsmotorische Hemmung. Pat. spricht sehr langsam mit schwerem(?) Minenspiel. Oft antwortet sie überhaupt nicht. Als von dem Selbstmordversuch gesprochen wurde, weinte sie, sonst war sie weiter abweisend und …. Die Auffassung war sonst prompt, die Ausdrucksweise gespannt. Nachträglich gab sie noch an, dass sie schon seit Jahren im Herbst und Frühjahr an Verwirrungszuständen leide. Dieses Zustandsbild besteht auch heute noch. Sie weint, ist bald gehemmt, klammert sich an und macht sich selbst Vorwürfe, sie habe anderen großes Unrecht getan. Die körperlichen Funktionen sind sonst in Ordnung. Körperlicher Befund: Körperlich ist sie eine dunkelhaarige Jüdin in gutem Ernährungszustand und starker Körperbehaarung. Das Gebiß ist gepflegt, der Uterus steht in Nabelhöhe. Die letzte Menstruation soll angeblich November 1936 erfolgt sein. […] Über ihre Schwangerschaft spricht sie sich nicht weiter aus.

Nach ihrer Entlassung kommt Resi nach Aurich zurück. Die häuslichen Probleme spitzen sich wieder zu, so dass ihre Mutter eine Untersuchung bei Dr. Müller veranlasst. Dieser vermerkt am 17.12.1938:

Frl. Samson ist seit mehreren Wochen geistesgestört, sie ist sehr bösartig und wird handgreiflich. Anstaltsaufnahme ist notwendig.

Der Amtsarzt Dr. Meyer darauffolgend am 19.12.1938:

Sie stellt zweifellos für sich selbst, ihre Familienangehörigen und auch für arischen Nachbarn eine Gefahr dar und die Unterbringung der R. Samson in einer geschlossenen Anstalt ist somit dringend erforderlich.

Allerdings protokolliert PM Gruhn:

… ist die Resie Samson nicht gefährlich. Am Tage ist in der Familie S. alles ruhig, nur des Nachts ist ab und zu Streit, der aber in den meisten Fällen von den Geschwistern verursacht wird. Die Nachbarschaft fühlt sich durch das Verhalten der Resie Samson nicht gefährdet.

Als Resi am 28.12.1938 nach Osnabrück abgeholt wird bringt sich anschließend ihr Freund, Nichtjude und Vater ihres noch zu gebärenden Kindes, um.

Im Juli 1939 wird eine Reichsarbeitsgemeinschaft (RAG) „Heil- und Pflegeanstalten“ gegründet im Columbushaus am Potsdamer Platz 1. Diese Organisation besteht aus SS-Ärzten und Juristen der Reichskanzlei. Sie hat die Aufgabe alle organisatorischen und pseudorechtlichten Schritte zu planen zur Durchführung der reichsweiten Ermordung von Pflegebedürftigen. Die Mitglieder der Reichsarbeitsgemeinschaft überzeugen sich zuvor durch eine Probevergasung im Zuchthaus Brandenburg von der Wirkung ihrer geplanten Lösung.

Diese Organisation erstellt ein Meldeformular zur reichsweiten Erfassung aller nutzlosen Existenzen. Alle Direktoren der Landesheil- und Pflegeanstalten werden unter dem Siegel der Geheimhaltung angeschrieben und zur Beteiligung aufgefordert. Nach den Kriterien des Meldeformulars fällt Resi sofort unter diesen Auftrag – als Jüdin, als andersstämmiger Untermensch ohnehin.
 

Am 21.09.1940 wird Resi mit sieben weiteren jüdischen Insassen in Osnabrück von einem grauen Bus der sogen. Gemeinnützigen [! ] Transportgesellschaft m.b.H., einem Zweig unterhalb der RAG, abgeholt und zur Heilanstalt Wunstorf gebracht. Am 27.09.1940 wird sie mit 152 weiteren jüdischen Patienten nach Brandenburg weiterbefördert.

Die letzten Stunden der Resi Samson vermittelt der Bericht eines Augenzeugen* In Brandenburg über eine vorhergehende Mordaktion eines Transports Berliner jüdischer Patienten: Es wurden die Personen nach Geschlecht getrennt in Zellen untergebracht […] sofort nach der Ankunft wurden jeweils immer etwa 20 Personen aus den Zellen geholt […] diese mußten sich völlig nackt ausziehen, da ihnen gesagt wurde, daß sie vor der Verlegung in einen anderen Bau baden und ungezieferfrei gemacht werden müßten. Zuerst hat man die Frauen und Kinder zu den bevorstehenden Vergasungen herangezogen. Um die kranken Menschen nicht zu beunruhigen, wurden sie von Ärzten oberflächlich untersucht und mußten anschließend in einen Raum treten, in dem Holzpritschen standen und […] der aussah wie ein Baderaum. Bevor jedoch die untersuchten Personen in den Raum gingen, bekamen sie einen Nummernstempel mit fortlaufender Nummer aufgedrückt. . Wenn nun die vorgesehene Zahl von Personen in dem ‚Baderaum’ war, wurde die Tür verschlossen. An der Decke des Raumes waren in Form von Brausen Installationen angebracht, durch welche man Gas in den Raum ließ. Nach etwa 15-20 Minuten wurde das Gas aus dem Raum gelassen, da man durch einen Spion festgestellt hatte, daß sämtliche Personen nicht mehr am Leben waren. Nun hat man auf aufgrund der aufgedrückten Nummer die Person festgestellt, bei denen zuvor bei der Untersuchung festgestellt wurde, daß sie Goldzähne hatten. Den Toten wurden die Goldzähne ausgebrochen. Ihre Leichen werden durch Hilfskräfte, Brenner genannt, aus den Kammern gezogen, auf Lastwagen geworfen und im anstaltseigenen Krematorium verbrannt.

Die Ermordung wird vom zweiten Anstaltsarzt Aquilin Ullrich überwacht. Er nutzt die vorangegangene Visitation um auffallende Kennzeichen zu finden, die für die Benennung einer späteren Todesursache geeignet sind.

Den Hinterbliebenen schreibt er als Dr. Schmitt in Berlin angefertigte Beileidsschreiben, „Trostbriefe“ genannt, über ein ad hoc eingerichtetes Pseudomeldeamt Cholm in Ostpolen. Allerdings dies erst mit ca. halbjähriger Verzögerung. Solange wird der Pflegesatz von den Sozialträgern weiterkassiert, in den Fällen der jüdischen Patienten hat die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland über 350 000 Reichsmark für angebliche Pflege und Unterkunft bereits ermordeter, gezahlt*.

Nach dem Krieg taucht Aquilin Ullrich zuerst unter, kann aber durch Unterstützung alter Kameraden 1952 wieder als Fach- und Belegarzt an einer Stuttgarter Klinik einsteigen. Auch findet er den Weg zurück zur katholischen Kirche.

Im Nachgang zum sogen. Heyde-Sawade-Prozeß wird Ullrich 1961 verhaftet. Seine Täterschaft in der Beihilfe zur Ermordung von mindestens 1.815 Geisteskranken wir festgestellt. Er wird allerdings:

… wie alle anderen Mitangeklagten wegen des fehlenden „Bewußtseins der Rechtswidrigkeit“ (unvermeidbarer Verbotsirrtum) seines Tuns freigesprochen. „Die Angeklagten sind davon ausgegangen, daß sie nur bei der Tötung von Geisteskranken ‚ohne natürlichen Lebenswillen‘ mitwirkten und daß deren Tötung erlaubt war. Da hiermit die Schuld entfällt, waren die Angeklagten freizusprechen.

Einer Wiederaufnahme entzieht sich Ullrich durch Beibringen eines Gutachtens:

… wonach er durch die schwerwiegende Gefährdung bei akuten Streßsituationen nicht mehr als verhandlungsfähig angesehen werden könne.

Diese Einschätzung wurde amtsärztlich am 14. Dezember 1971 bestätigt.

Aus den Dokumenten geht mittelbar, aber deutlich hervor, dass alle anderen verantwortlich Beteiligten, d. h. Ärzte, Pfleger, Verwaltungen, von den Ermordungen wussten. Die Frage, ob dieses Wissen und Gewähren, als Mittäterschaft zu werten ist, hat die Forschung in vielen Beiträgen mittlerweile genügend beantwortet – mit ‚Ja’. Diese Feststellung hat noch mehr Gewicht, angesichts der Weigerung und der Verschleppungstaktik der Strafverfolgung diese Taten in den späteren Jahren aufzuklären. Die medizinischen Kollegen in den entscheidenden Korporationen und Netzwerken halfen den Tätern in jeder Weise wieder in den Beruf einzusteigen.

 

Recherche: Jörg Peter
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
(Stand 21.02.2013)

Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Rep. 251 Nr. 15, 815 und 1158, Rep. 34 C 494; Meldeblätter; Kennkarten; Staatsarchiv Hannover; Staatsarchiv Osnabrück Rep 727 Akz. 13,85 Nr3941;
Literatur: *Holger Frerichs Spurensuche: Das jüdische Altenheim in Varel 1937-1942 Jever 2012
Patenschaft: Elisabeth Abs und Willi Buschmann
Verlegetermin: 21. Februar 2013

 

 

 

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