Jakob Abraham Wolff

Veröffentlicht: 27. Dezember 1914 von westermayer in Verlegung

Jakob Abraham WOLFFJakob Abraham Wolff
geboren am 25. Februar 1907 in Aurich

 

 

 

Straße: Lilienstraße 12
Todesdatum: unbekannt
Todesort: Riga
Jakob Abraham Wolff wird am 25. Februar 1907 in Aurich geboren. Er ist das dritte von neun Kindern von Abraham Levy und Hedwig Wolff, geb. von/van der Walde. Abraham Levy Wolff, der Vater von Jakob, betreibt in Aurich einen Viehhandel. Ihm gehören das Haus in der Lilienstraße 12, in dem die Familie wohnt, sowie Acker- und Weideland im Hammerkeweg. Als Jakob gerade erst sechzehn Jahre alt ist, verstirbt sein Vater Abraham an einer Lungen- und Kehlkopftuberkulose. Jakobs ältere Brüder, Nachmon und Ludwig, führen nun das Geschäft des Vaters fort. Auch Jakob selbst steigt später in den Familienbetrieb ein und arbeitet wie sein Vater und seine Brüder als „Schlachter und Viehhändler“. Während Jakobs Geschwister Ludwig, Erna, Herta und Alfred in den folgenden Jahren heiraten und eigene Familien gründen, bleibt Jakob wie sein ältester Bruder Nachmon ledig. Gemeinsam mit ihrer Mutter und der jüngsten, im Todesjahr des Vaters geborenen Schwester Ruth leben die beiden Brüder im Haus in der Lilienstraße 12.

Durch Boykottaktionen und Repressalien durch das NS-Regime dürfte die finanzielle Lage der Familie ab 1933 immer schwieriger geworden sein. Vermutlich sind es jedoch die Ereignisse vom 09. November 1938, die für Jakobs Mutter Hedwig den Ausschlag dazu geben, Aurich zu verlassen und zu versuchen, sich in den Niederlanden eine neue Existenz aufzubauen: In jener Nacht werden alle männlichen jüdischen Einwohner Aurichs verhaftet und in der sogenannten „Bullenhalle“ in der Emder Straße zusammengetrieben. Nachdem sie dort während der Nacht allerhand Schikanen über sich ergehen lassen müssen, dürfen die Alten und Kranken am nächsten Morgen wieder gehen. Die als „arbeitsfähig“ eingestuften Männer werden jedoch zum Ellernfeld getrieben, wo sie den ganzen Tag über unsinnige Erdarbeiten oder „Exerzierübungen“ zur allgemeinen Erheiterung der Zuschauer durchführen müssen. Es ist unklar, ob Jakob unter jenen Männern ist, die auf dem Ellernfeld schikaniert und dann um 18 Uhr ins Auricher Gefängnis gesperrt wurden. Unter den insgesamt einundvierzig Verhafteten befindet sich jedoch sicher Jakobs ältester Bruder Nachmon, der schließlich am 12. November über Oldenburg ins Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht wird. Nachmon bleibt rund einen Monat in Haft, er kehrt erst am 15. Dezember wieder zurück nach Aurich. Jakobs Schicksal ist an diesem Punkt unklar: Die Verhaftung der „arbeitsfähigen“ Männer durch die Nationalsozialisten zielte darauf ab, den Familien mit dem „Ernährer“ die Einkommensgrundlage zu entziehen und sie somit zum Verkauf ihres Besitzes und zum Verlassen Deutschlands zu zwingen. Da sich auf Jakobs Fotokennkarte der Hinweis findet, Jakob sei geistig behindert gewesen, besteht die Möglichkeit, dass Jakob, sofern er als nicht dazu geeignet, den Viehhandel allein zu betreiben, eingeschätzt wurde, nicht nach Sachsenhausen verbracht wurde.

Wenige Monate nach der Rückkehr Nachmons aus der Haft verlässt Jakobs Mutter Hedwig gemeinsam mit Jakobs Schwester Ruth Aurich. Jakob und sein Bruder bleiben jedoch in der Stadt und bewohnen weiterhin das Haus in der Lilienstraße 12, wo im Juni 1939 auch weitere Familienmitglieder und andere Angehörige der jüdischen Gemeinde Unterschlupf gefunden haben: Neben Ludwig Wolff, Jakobs Bruder, und dessen Familie ist auch der Kaufmann Lippmann Knurr unter dieser Adresse gemeldet. Spätestens im Oktober 1939 hat nur noch Jakob eine Anstellung, denn er wird in den Einwohnermeldelisten als „Arbeiter“ geführt, sein Bruder Nachmon, mit dem er sich den „Hausboden“ im Gebäude in der Lilienstraße teilt, ist arbeitslos.

Als alle in Aurich verblieben Juden zu Beginn des Jahres 1940 die Aufforderung erhalten, den Regierungsbezirk bis zum 01. April zu verlassen, müssen auch Jakob und sein Bruder ihrer Heimatstadt den Rücken kehren. Obwohl die Mutter Hedwig sowie sämtliche Geschwister nach Holland geflohen sind, melden sich Jakob und Nachmon nicht in die Niederlande, sondern nach Berlin ab. Beide Brüder leben dort in der Neuen Friedrichstraße 77.

Rund zweieinhalb Jahre später, am 26. Oktober 1942, werden sie gemeinsam mit dem Transport 22 (Osttransport) nach Riga verschleppt. Der Zug traf dort drei Tage später, am 29. Oktober, ein. Hier verliert sich die Spur beider Männer. Im Zuge der Rückerstattungsverfahren, die ihre Schwester Erna, die einzige Überlebende der Familie, später anstrengt, werden beide Brüder 1955 für tot erklärt.

 

Recherche: Sandra Weferling (Stand: 30.01.2013)

Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer

Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei; Fotokennkartendatei; Rep. 248, Nr. 943; Rep. 248, Nr. 947; Rep. 107, Nr. 2488; Rep. 109E; Rep. 241, A 210; Rep. 251, Nr. 306; Rep. 251, Nr. 307; Dep. 34C, Nr. 137; Dep. 34C, Nr. 143.

http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html

Literatur: Johannes Diekhoff: Die Auricher Judengemeinde, in: Aurich im Nationalsozialismus, hrsg. v. Herbert Reyer (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands, Bd. 69), 247-299;

Jan Lokers: Boykott und Verdrängung der jüdischen Bevölkerung aus dem Wirtschaftsleben Ostfrieslands (1933-1938), in: Ostfriesland im Dritten Reich. Die Anfänge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Regierungsbezirk Aurich 1933-38, hrsg. v. Herbert Reyer, Aurich 1999, S. 63-82.

 

Patenschaft: Reformierte Kirchengemeinde Aurich
Verlegetermin: 9. November 2012

 

 

 

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