Lippmann Knurr

Veröffentlicht: 27. Dezember 1914 von westermayer in Verlegung

Lippmann KNURRLippmann Knurr
geboren am 2. August 1859 in Aurich

 

 

 

Straße: Norderstraße 2
Todesdatum: 3. März 1942
Todesort: Bremen
Lippmann Knurr wurde am 2. August 1859 in Aurich geboren. Er ist der Sohn von Heyman Cassen Knurr und Gertrude Knurr, geb. Heimann. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts betreibt die Familie das Geschäft „H.C. Knurr“ in Aurich, an der Ecke Marktstraße/Norderstraße. Neben Damen-, Herren- und Kinderbekleidung vertreiben die Knurrs erfolgreich Pelze, Teppiche, Gardinen, Federn, Kurzwaren und Stoffe.

Lippmann Knurr übernimmt das Geschäft von seinem Vater und führt es erfolgreich fort. Er heiratet Ida Bienheim aus Duingen, Kreis Alfeld, deren Schwester Henriette („Henny“) wiederum Lippmanns Bruder Abraham ehelicht. Lippmann und Ida haben sieben Kinder: Harry (geb. 14.08.1896), Erich (geb. 27.06.1899), Gertrude (geb. 20.06.1901, gest. 14.03.1903), Lea (geb. 10.01.1904), Theresa (geb. 01.04.1905, gest. 21.06.1906), Hermann (geb. 02.10.1908) und Gerta (03.06.1912). Gertrude und Theresa versterben bereits als Kleinkinder. Die jüngste Tochter, Gerta, stirbt im November 1936 im Alter von 24 Jahren an einer Lungenentzündung. Die übrigen vier Kinder von Lippmann und Ida Knurr überleben jedoch den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust: Allen gelingt rechtzeitig die Flucht aus Deutschland.

Die Familie Knurr gilt als sehr religiös und kultiviert. Lippmann und Ida legen großen Wert auf eine gute Erziehung und Bildung ihrer Kinder, die später, bei ihrer Immigration in die USA, von ihren Englischkenntnissen profitieren sollten. Innerhalb der jüdischen Gemeinde spielt die Familie eine herausragende Rolle, was sich nicht zuletzt darin zeigt, dass der Auricher Rabbiner regelmäßig bei den Knurrs verkehrt und zu Mittag isst. Lippmann Knurr fungiert als Sprecher der jüdischen Gemeinde und wird bei Streitigkeiten, die das Geschäftsleben oder die jüdische Gemeinde betreffen, als Experte zu Rate gezogen. Doch auch außerhalb der jüdischen Gemeinde genießt Lippmann großes Ansehen: 1913 beispielsweise wir er zum Stadtverordneten gewählt. Die jüdische Schule liegt Lippmann besonders am Herzen: Er leitet den Neubau der Schule in die Wege und ist mindestens dreißig Jahre lang im Schulvorstand tätig. Außerdem engagiert er sich im sozialen Bereich und sorgt für Waisenkinder, denen er in seinem Geschäft eine Ausbildungsstelle und Unterkunft gewährt. 1939 wird Lippmann anlässlich seines 80. Geburtstags schließlich als eine der führenden und angesehensten Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde ausgezeichnet.

1927 verstirbt Ida Knurr vierundfünfzigjährig nach langer Krankheit, Lippmann ist nun Witwer. Die Söhne Erich und Hermann arbeiten im Geschäft mit und werden Teilhaber der Firma „H.C. Knurr“. Lea Knurr heiratet den Sohn von Jakob Sternberg, Erich, der mit seinem Bruder gemeinsam das Bekleidungsgeschäft „Meyer Sternberg“ führt. Als Lea und Erich Mitte der 30er Jahre erste Überlegungen zu einer Auswanderung anstellen, steht ein Teil der Familie Knurr dem zunächst wohl eher skeptisch gegenüber: Lippmann und seine Söhne gehen davon aus, dass der „Spuk“ bald ein Ende haben werde und die Situation sich wieder „normalisieren“ würde.

Lea und ihrem Mann Erich gelingt es mit Geschick und Glück, ein Kaufhaus in Baton Rouge in Louisiana zu erwerben und 1936/37 dorthin auszuwandern. Als die Situation in Deutschland Ende der 30er Jahre immer schwieriger wird, immigrieren auch die übrigen Kinder Lippmanns mit ihren Familien in die USA, wobei sie von Lea und Erich unterstützt werden. Lippmann möchte Deutschland jedoch noch immer nicht verlassen. Er glaubt nicht, dass ihm aufgrund seines fortgeschrittenen Alters – er ist 1939 80 Jahre alt – etwas angetan werden würde. Im Februar 1939 verkauft er jedoch nach der Auswanderung seines Sohnes Erich das Geschäftshaus und das dazugehörige Grundstück. Das Unternehmen „H. C. Knurr“ wird ab diesem Moment aufgelöst, zum 08. Oktober 1941 gilt die Gesellschaft als erloschen. Nach dem Ende des Krieges stellen Lippmanns Söhne einen Antrag auf Rückerstattung des Besitzes. Das Verfahren endet mit einem Vergleich zwischen den Parteien.

Da die Ausreise zum Ende der 30er Jahre immer schwieriger wird und die Einwanderungsquoten für die USA überzeichnet sind, schlägt Erich Sternberg, Lippmanns Schwiegersohn, Lippmann vor, standesamtlich seine verwitwete Schwägerin Henny zu heiraten, um ein Notvisum für Ehepaare für die USA beantragen zu können. Die strenggläubige Henny weigert sich jedoch, ihren Schwager zu ehelichen, da dies dem jüdischen Glauben nach verboten war, so dass beide in Deutschland bleiben müssen. Anfang 1940 erhalten beide dann die Aufforderung, Ostfriesland zu verlassen – aus „sicherheitspolizeilichen Gründen“ sollte die Region „judenfrei“ werden. Lippmann und Henny ziehen am 29. Februar 1940 zu Verwandten nach Bremen.
In Bremen wird der 81jährige Lippmann im Frühjahr 1941 von antisemitischen Schlägern in der Straßenbahn überfallen und aus dem noch fahrenden Wagen geworfen, wobei er einen Fuß verliert, der von den Rädern der Bahn abgetrennt wird. Am 3. März 1942 verstirbt Lippmann Knurr in Bremen. Sein Enkelsohn Hans Sternberg schreibt später, Lippmann sei trotz all der Schikanen und des ihm angetanen Leids immerhin noch als freier Mann gestorben. Henny Knurr hingegen wird am 23. September 1942 in Treblinka ermordet.

Recherche: Sandra Weferling (Stand: 30.01.2013)
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
Foto:
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei; Rep. 248, Nr. 947; Rep. 248, Nr. 943; Rep. 107, Nr. 2488; Rep. 109E, Nr. 4/1.
Literatur: Hans J. Sternberg: Von Ostfriesland nach Louisiana. Flucht einer jüdischen Familie, Auszug des Buches „We were merchants“, hrsg. v. Rainer Wehlen und der DIG, Aurich 2012;

Gerd D. Gauger: Aurich in Kaisers Rock und Petticoats 1918-1959, Aurich 2002.

Herbert Reyer: Aurich, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, hrsg. v. Herbert Obenaus, Göttingen 2005, S. 3-28.;

http://grabsteine.genealogy.net/tomb.php?cem=172&tomb=455&b=J

http://www.alemannia-judaica.de/aurich_personen.html

Patenschaft: CDU-Fraktion des Auricher Stadtrates
Verlegetermin: 9. November 2012

 

 

 

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