Carla Samson

Veröffentlicht: 30. Mai 1915 von westermayer in Verlegung

Carla Samson
geboren als Hoffmann am 26. 8. 1906 in Dillingen

 

 

 

Straße: Am Neuen Hafen 2
Carla Samson ist das zweite Kind der Familie Adolf Hoffmann und Hildegard geborene Löw. Sie hat einen zwei Jahre älteren Bruder Ludwig.Carlas Vater Adolf (Aaron) –er stammt aus Aurich, Sohn des Zwi aus der Wallstraße 24 – ist Textilhändler und hat ein großes Kaufhaus in der Stummstraße in Dillingen, bei den ersten Häusern am Platz. Adolf wird Gemeindevorsteher der 1927 gegründeten jüdischen Gemeinde Dillingens. Die Hoffmanns kommen zu großem Wohlstand. Hausbedienstete und Chauffeur und Auslandsaufenthalte bestimmen das Leben der Kinder. Eine zeitgenössische Stimme bezeichnen Ludwig und Carla als verzogene Gören. Carla verbringt eine Zeit in einer Internatsschule in Lausanne. Dies verschafft ihr die Französischkenntnis und auch sonst die Weltläufigkeit einer modernen Frau, die sich nicht in hergebrachtes, rollenbestimmtes Familienleben einfindet.Carla heiratet am 13.04.1928 in Dillingen Josef Samson aus Aurich. Josef Samson ist Viehhändler. Am 3.06.1928 zieht das junge Paar nach Aurich, Am Neuen Hafen 2. Dieses Haus hat ihr Vater 1928 gekauft. Am 30.01.1931 wird Sonja geboren, das einzige Kind. Die Ehe ist jedoch von Anbeginn nicht glücklich. Die Eltern Samson mit bodenständigem ostfriesischem Habitus lehnen die Schwiegertochter ab. Die Familien Samson und Hoffmann, sowohl Dillingen als auch Aurich-Wallstraße verstehen sich nicht wirklich gut. Ständig gibt es kleinen Streit aus Neid oder Eifersucht. Carla ist oft auf Reisen in vermutlichen Affären und überläßt ihr Kind dem Vater und der Kinderfrau. Aurich ist für sie ein langweiliges Kaff.

 

Ihr Ehemann Josef lebt streng nach den jüdischen Gesetzen. Carla ist liberal. Dennoch werden die Speiseregeln eingehalten. Koscheres nie bei Trayfes. Es sind vier verschiedene Geschirre in ebenso vielen Schränken im Haus am Neuen Hafen. Es gibt zwei Esstische und zwei separate Spülen.

Carla und ihr Mann erkennen früh die Zeichen der Gefahr der neuen Zeit. Zudem wollen sie an einem neuen Ort einen neuen Anfang aus ihrer schwierigen Ehe machen. Ihre Tochter Sonja bringt sie ein Jahr vorher zu ihren Eltern nach Luxemburg. Am 13. Mai 1937 verlassen sie Aurich und ziehen nach Frankreich nach Rocquigny in den Ardennen. Josef, er kann kein Wort Französisch, bemüht sich schnell darum. Er baut sich wieder einen Viehhandel auf.

 

Ihre Eltern und ihr Bruder sind schon Ende 1935 nach Ettelbruck in Luxemburg und später nach Belgien ausgewandert. Die Eltern Hoffmann hatten 1935 in der Volksabstimmung im von Frankreich regierten Mandatsgebiet der Saar, nicht für Deutschland gestimmt. Die für Frankreich stimmten, hatten die Option auszuwandern. Sie konnten ihr Geschäft in Dillingen verkaufen und das Vermögen transferieren. 1938 stirbt ihr Vater an Hautkrebs. Carla verspricht ihm noch, nicht mehr am Shabbes noch am Yom Kippur zu rauchen. Das hält sie, obwohl sie Kettenraucherin ist – wie später ihre Tochter Sonja und die vermutlich daran vor der Zeit stirbt.

 

Carla trifft ihre Tochter Sonja erst wieder in Frankreich. Carla und Josef beschließen sich scheiden zu lassen. Ob dies formell vollzogen wurde, ist nicht bekannt, es ist irrelevant: In den folgenden Jahren der zunehmenden Verfolgung durch die Polizeiorgane des Pétain-Regimes stehen sie füreinander ein. Josef, später in Gurs interniert, richtet aus seinem Schweizer Vermögen einen laufenden Unterhalt für seine getrennte Familie ein.

 

Josef meldet sich im April 1939 freiwillig zur Armee. Doch mit Kriegsausbruch wird er entlassen und im Lager Gurs vor den Pyrenäen als feindlicher Ausländer interniert.

 

Das Haus Am Neuen Hafen 2 wird nicht im Wege der Arisierung zwangsverkauft, sondern 1940 geht es in den Besitz der Schwiegermutter, der Witwe Hildegard geborene Löw über. Es wird zu einer Sammel- und Durchgangsstation vieler jüdischer Bürger, ein „Judenhaus“ also. Nach 1940 geht es an einen beauftragten Verwalter, den Sparkassendirektor i. R. Blotekamp. 1943, nachdem die Besitzerin Hilde Hoffmann deportiert und ermordet wird, wird es nach § 3 der 11. Durchführungsverordnung zum Reichsbürgergesetz von der Oberfinanzdirektion Oldenburg vereinnahmt. Der Sohn Ludwig, Carlas Bruder wird ebenfalls Opfer der Shoa.

 

Carla ist mit ihrer Tochter nun allein. Im Mai 1940, bevor deutsche Kanonen Rocquigny bestreichen können, müssen die beiden dieses Departement zur Ostgrenze verlassen. Sie ziehen nach La Roche-sur-Yon an der Atlantikküste. Sie wohnen in einem Hotel. Die Möbel und der Hausrat sind untergebracht.

Die ganze Familie wird mit Übernahme der rassistischen Verfolgungsgesetzte von Vichy kurzeitig in Gurs interniert. Danach leben sie frei in Garlin, einem Dorf in der Nähe. Josef wohnt und arbeitet auf einem Bauernhof im nächsten Ort. Am 26. August 1942 werden Carla und Sonja von der französischen Polizei in einer Razzia aufgebracht, auf einen Lastwagen verladen, auf dem sich der zuvor schon festgenommene Josef bereits befindet und erneut in Gurs inhaftiert. Anfang September 1942 werden sie nach Rivesaltes bei Perpignan verlegt.

 

Carla ist in diesen Tagen schwer krank. Vermutlich hat sie einen Polypen in der Gebärmutter mit der Folge nicht enden wollender Blutungen. Sie verlangt nach ärztlicher Behandlung. Sie bekommt keine. Alle paar Tage werden Insassen in Listen erfaßt und mit der Bahn abtransportiert. Es soll in ein Lager nach Polen gehen. Einem Ziel wovon alle wissen, es ist das Ende.

 

Am 16.09.1942 wird ein neuer Transport zusammengestellt. Alle müssen sich in alphabetischer Reihung aufstellen, auf daß die Liste getippt wird, Zeile um Zeile in sauberer Ordnung, eine jede vom Leben zum Tod. Carla versucht ihre Tochter bei einer auf dem Lagergelände arbeitenden Hilfsorganisation für jüdische Kinder, der Œuvre de Secours aux Enfants (OSE), abzugeben. Sie soll nicht in die Reihe zur Erfassung. Die Herbergsdame lehnt ab, das Haus ist schon komplett voll mit werdenden Waisen. Dann – nur noch eine Person vor dem Buchstaben S, plötzlich erscheint die Herbergsmutter und ruft: „Wir nehmen sie doch!“ Sonja wird im letzten Moment aus der Reihe herausgezogen. Der Abtransport der dann komplett Registrierten erfolgt sofort.

 

Der Zug, Convoi No°33, fährt nach Drancy bei Paris zur Aufnahme weiterer Deportationshäftlinge. Carla schreibt aus dem Zug noch eine Postkarte an ihre Tochter: Sonja uns geht es gut, alles ist gut, … Liebe und Küsse. Das ist ihr letztes Lebenszeichen. Es ist wahrscheinlich, daß Carla und Josef nicht in dem berüchtigten Gebäudekomplex von Drancy zur Zwischensammlung inhaftiert wurden. In nicht ganz sicheren Quellen wurde notiert, daß Carla bereits auf dem Transport nach Auschwitz verstorben ist.

 

Recherche und Eingabe: Jörg Peter (Stand 5.03.2014)
Fotos  – Am Neuen Hafen 2
– Hochzeitsfoto Carla Hoffmann und Joseph Samson
– Carla Samson mit Tochter Sonja, Südfrankreich, Datum unbekannt
– Carla Samson mit Tochter Sonja
Opfergruppe: Jüdische Bürger
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Rep. 251 Nr. 15, 815 und 1158; Rep. 16/1, 5398http://www.gratz.edu/default.aspx?p=11288 … Abschrift eines Tonbandinterviews mit Sonja Samson aus fünf Audio-Kassetten, durchgeführt am 3. Juni 1985 von Nora Lewin
Patenschaft: Recke, Rolf von der
Verlegetermin: 22. März 2012
- Am Neuen Hafen 2

Am neuen Hafen 2

Carla Hoffman & Joseph Samson wed(1)

Hochzeitsfoto von Carla und Joseph Samson

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Carla Samson mit Tochter Sonja, Südfrankreich, Datum unbekannt

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Carla Samson mit Tochter Sonja

 

– Am Neuen Hafen 2

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