Erna van Dyk, geb. Wolff

Veröffentlicht: 4. Dezember 2010 von westermayer in Verlegung

erna-van-dyk-geb-wolffErna van DYK  geb. Wolff
geboren am 4. März 1893 in Altenkirchen

 

 

 

Straße: Burgstraße 21
Todesdatum: 18. Dezember 1944
Todesort: KZ Stutthof
  Erna van Dyk kommt am 4. März 1893 als viertes von zehn Kindern von Moses Levy Wolff und dessen Frau Rosa Meyer, geb. Sternberg, zur Welt. Ihr Vater ist Kaufmann und ihre Mutter Rosa stammt ebenfalls aus einer Kaufmannsfamilie – das Textilwarengeschäft „Meyer Sternberg“ gehörte vor 1933 zu den bedeutendsten Kaufhäusern der Stadt Aurich. Erna heiratet 1920 in eine andere Kaufmannsfamilie ein: Sie ehelicht Karl van Dyk, dessen Familie in der Wilhelmstraße, heute Burgstraße, ebenfalls einen Textilwarenhandel betreibt.

Das Ehepaar lebt zunächst in der Kirchstraße 7 in Aurich. Am 9. Oktober 1921 wird Ernas ältester Sohn Abraham Alfred, der nach dem Vater ihre Mannes benannt ist, geboren. Rund eineinhalb Jahre später, am 24. Mai 1923, folgt der zweite Sohn, Meno Lothar, und schließlich kommt Tochter Margrit am 5. Mai 1929 zur Welt.

Die Familie ist streng gläubig und in der Gemeinde sehr angesehen. Ernas Mann Karl ist der Sohn des ersten Vorstehers der jüdischen Gemeinde und wie sein Vater in der Gemeinde sehr aktiv. Am 1. August 1930 zieht die kleine Familie in die Wohnung über dem Laden in der heutigen Burgstraße, nachdem Karl die Geschäfte von seinem Vater übernommen hatte. Finanziell geht es den van Dyks recht gut, wovon auch die zahlreichen Haushaltshilfen und Kindermädchen zeugen, die Erna unterstützen und die als „Untermieter“ auf der Einwohnermeldekarte der Familie eingetragen sind.

Diese Situation sollte sich mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten jedoch grundlegend ändern: Bereits im Frühjahr 1933 werden in Aurich Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte durchgeführt, unter denen auch der Betrieb der van Dyks leidet. Ab 1936 sind keine Haushaltshilfen mehr bei van Dyks beschäftigt – sicher nicht nur, weil es in Folge der Nürnberger Gesetze für jüdische Familien schwieriger wurde, Personal einzustellen. 1937 emigriert zunächst der Sohn Abraham Alfred in die Niederlande, doch auch Erna und Karl beschließen, ihre Heimatstadt Aurich zu verlassen. Karl gibt das Geschäft auf und verkauft das Haus in der Burgstraße 21 am 27. Mai 1938, am 20. Juni meldet sich die Familie nach Köln ab. Mathilde, die Mutter von Karl, die mit der Familie gemeinsam in der Burgstraße wohnt, begleitet ihren Sohn und dessen Familie. Die jüdische Gemeinde bedauert den Wegzug der van Dyks sehr und veranstaltet eine große Abschiedsfeier, über die auch in der Zeitung „Der Israelit“ berichtet wird.

In Köln ist die Familie zunächst kurz in der Roonstraße 54 gemeldet, fast direkt neben der Synagoge. Doch finden die van Dyks offensichtlich keine Wohnung, in der sie dauerhaft gemeinsam wohnen können: Während Erna schließlich in der Rochusstraße 108 Unterschlupf findet, leben ihr Mann und ihre Tochter Margrit in der Thieboldsgasse 93. Die Großmutter Mathilde  wiederum ist nacheinander unter zwei weiteren, anderen Adressen gemeldet. Meno Lothar, der Zweitgeborene, emigriert wie sein großer Bruder in die Niederlande. Von dort aus gelingt beiden Brüdern gemeinsam die Flucht von Rotterdam nach New York, wo sie am 17. April 1940 ankommen. Es muss für Erna eine große Erleichterung gewesen sein, zumindest ihre Söhne in Sicherheit zu wissen. Beide überleben den Holocaust und kämpfen im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der USA.

Erna, Karl und ihre elfjährige Tochter Margrit werden am 7. Dezember 1941 von Köln nach Riga deportiert: Dort war kurz zuvor durch Ermordung der dort zunächst internierten lettischen Juden „Platz geschaffen“ worden für die Juden aus Deutschland, die nun hierher verbracht werden. Erna und ihre Familie kommen mit dem ersten Transport aus Köln an. Ihr Gepäck, das sie zum Bahnhof in Köln hatten mitnehmen können, muss bei der Ankunft im Zug bleiben und wird eingezogen. Erna und die anderen Ankömmlinge betreten das Ghetto mit kaum mehr als dem, was sie am Leibe tragen. Obwohl die Lebensbedingungen in dem schnell völlig überbelegten Ghetto katastrophal sind – es mangelt vor allem an Lebensmitteln, Kleidung und Brennmaterialien und die hygienischen Zustände sind mehr als schlecht – ermöglicht es die Anlage des Ghettos zumindest, dass Erna, ihr Mann und ihre Tochter zusammen bleiben und als Familie zusammen leben können.

Ab Herbst 1943 beginnen die Deutschen, das Ghetto aufzulösen und die dort internierten Menschen in andere Lager zu deportieren oder direkt zu ermorden. Die letzten Verbliebenen, zu denen auch Erna und ihre Familie gehören, werden schließlich im August 1944 vor der anrückenden Roten Armee in das KZ Stutthof bei Danzig „evakuiert“. Während Erna und ihre Tochter in Stutthof bleiben, wird Karl bereits am 16. August weiter nach Buchenwald deportiert. Hier wird er vermutlich zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Im KZ Stutthof herrschen sogar noch schlimmere Lebensbedingungen als im Ghetto in Riga. Mehrfach brechen Typhus- und Fleckfieberepidemien aus, denen das geschwächte Immunsystem der unterernährten Lagerhäftlinge nichts entgegenzusetzen hat, zumal eine medizinische Behandlung der jüdischen Häftlinge überhaupt nicht stattfindet. Obwohl das Lager nicht als Vernichtungslager eingerichtet worden war, hatte man eine Genickschussanlage errichtet und ermordete gezielt Gefangene. Wie Erna und ihre Tochter sterben, bleibt im Dunkeln. Der 18. Dezember 1944 gilt als Todesdatum von Erna. Ihre Tochter Margrit überlebt sie nur um wenige Wochen.

  Recherche: Sandra Weferling
Eingabe: Hans Jürgen Westermayer
(Stand 22.12.2014)
Foto:  
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Meldekartei;  Rep. 251, Nr. 1660;  Rep. 251, Nr. 374; Rep. 251, Nr. 419; Rep. 248, Nr. 943; Rep. 248, Nr. 947

http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html, Zugriff vom  11.10.2013

http://www.alemannia-judaica.de/aurich_personen.htm (Über die Verdienste des Gemeindevorstehers A. v. Dyk 1936;), Zugriff vom 6.12.2013

http://www.alemannia-judaica.de/aurich_texte.htm (Rückgang der Gemeindemit-gliederzahlen), Zugriff vom 06.12.2013

http://www.online-ofb.de/famreport.php?          ofb=juden_nw&ID=I6229&nachname=WOLFF&lang=de

http://ostfriesland.deutsch-israelische-gesellschaft.de/von-ostfriesland-nach-louisiana

Gespräch mit dem ehemaligen Nachbarn der Familie van Dyk, Fritz Schüt, am 9.9.2013

Literatur: http://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Riga

http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/religioeses-leben-der-koelner-juden-im-ghetto-von-riga/

http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Stutthof

http://www.das-polen-magazin.de/gehalten-bis-zum-letzen-tag-das-kz-stutthof/

Patenschaft: Fritz-Werner Schüt
Verlegetermin: 14. Dezember  2013

 

 

 

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.