Bernhard (Berni) Wallheimer

Veröffentlicht: 11. Dezember 2010 von Lennart in Biografien

bernhard-wallheimer-1Bernhard „Berni“ WALLHEIMER
geboren am 22. März 1925 in Aurich

 

 

 

Straße: Breiter Weg 1
Todesdatum: überlebt
 
 Berni Wallheimer _after war Berni Wallheimer ist das erste Kind der Eltern Wilhelm und Reisi. Er hat einen jüngeren Bruder Horst und als jüngste die Schwester Vera.Bernis Vater betreibt mit seinem Onkel Levy und Abraham Cohen das Viehhändlergeschäft und Schlachterhandwerk. Hinter dem Haus befinden sich Stallungen und Räume einer koscheren Fleischfabrikation. Die Waren werden in ganz Deutschland vertrieben. Das Haus der Eltern muss 1935 aufgrund immer schärfer werdender Gesetze gegen jüdische Gewerbetreibende verkauft werden. Wallheimers ziehen in ein kleines Haus in der Lilienstraße 9. Dort müssen in der letzten Verfolgungszeit viele andere unterkommen, welche unter Zwang um ihre angestammte Bleibe gebracht werden.Nach der Volksschule will Berni 1935 auf das Gymnasium. Das wird ihm als Jude verwehrt. Er muss die Volksschule bis zur Schließung in der Reichspogromnacht weiterbesuchen. Weil sich andere Schulalternativen nicht bieten, geht er am 30.07.39 nach Groß Breesen, einem Lehrgut im Kreis Trebnitz bei Breslau. Dieses Lehrgut, eines von vielen im Reich, soll junge Menschen beruflich auf ein landwirtschaftliches und handwerkliches Pionierleben in Übersee vorbereiten. Groß Breesen war im übrigen das einzige betont nichtzionistische Ausbildungsgut. Auf ihm versammeln sich viele Lehrende als Protagonisten der fortschrittlichen jüdischen Sozialbewegung. Es sind Curt Bondy, Erwin Scheier, Ernst Cramer und viele andere, welche nach dem Krieg zu hohem gesellschaftlichen Ansehen kommen. Sie und die Ausgebildeten begründen später den so genannten Geist von Groß Breesen.Als Berni in Groß Breesen ankommt ist davon nicht mehr viel übrig. Die treibenden und prägenden Leitfiguren flohen nach der KZ-Zeit von Buchenwald ins Ausland. Alle zuvor angestrebten Auswanderungen in Gruppen zerschlagen sich.Berni trifft hier seinen Freund aus Aurich, Dodo Cohen und die Weinberg-Geschwister aus Leer, Friedel und Albrecht.Mit Kriegsbeginn ist die Möglichkeit der Auswanderung fast unmöglich. Von den ursprünglichen pädagogischen Prinzipien der Reform- und Lebenskundebewegung bleibt wenig übrig, so dass Groß Breesen mehr und mehr zum reinen landwirtschaftlichen Produktionsbetrieb und Arbeitslager wird. Die Gruppe der dort noch Verbliebenen wird deshalb als die zweite und dritte Generation bezeichnet. Sie müssen zuletzt die Deportation zur geplanten Ermordung antreten. Berni verbringt in Goß Breesen, wie die anderen Jungs aus Ostfriesland – Dodo Cohen und Albrecht Weinberg, die meiste Zeit beim Schweizer im Kuhstall mit Viehwirtschaft und Melken. Arbeiten, die er schon von seinem Vater mit sechs Jahren erlernt hat. Anderen Jugendlichen aus eher stadt-bürgerlicher Herkunft fällt die Landarbeit dagegen schwer. Anfang Mai 1941 ist diese schöne Zeit (… die schönste meiner Jugend… – Berni) vorbei. Die Gestapo verkleinert das Lehrgut, wandelt es in ein reines Arbeitslager um. Berni muss Groß Breesen verlassen und geht zum Landwerk Neuendorf bei Fürstenwalde, eine andere Vorbereitungsanstalt zur Ertüchtigung für Palästina (Hachscharah). Er ist Friedhofsgärtner bei der Stadtverwaltung und Spezialist für die Grün-Ausschmückung von Festsälen für Parteiveranstaltungen.Anfang April 1943 ist auch dies vorbei. Berni muss eine Erklärung unterschreiben, dass er sich reichsfeindlich betätigt habe und deshalb das Reich verlassen müsse. Die ganze Gruppe wird nach Berlin in die Große Hamburgerstraße in ein ehemaliges jüdisches Altersheim gebracht. Am 19.04.1943 wird er nach Auschwitz deportiert. Die Hachscharah-Jugendlichen gelten durch Empfehlung der Gestapo als besonders arbeitsfähig. Sie kommen deshalb gleich nach Buna-Monowitz, einem Industrie-Nebenlager von Auschwitz.Am Tag des Führergeburtstags bekommt er seine Häftlingsnummer 160928 eintätowiert. Die Stimmung ist dabei noch unbeschwert und ohne Ahnung des Kommenden, wie Albrecht Weinberg, Empfänger der vorigen Tätowierung 160927, heute erzählt.In den ersten Tagen erfährt er, dass alle im Januar 1943 nach Auschwitz Deportierten sofort bei Ankunft ermordet wurden, also auch seine Eltern und seine Geschwister.Die allen Neuangekommenen zugewiesene Arbeit in der Kabelkolonne ist die schwerste. Überleben kann nur, wem es gelingt diesem Kommando zu entkommen. Der Kapo Karl Seligmann aus Emden spricht Berni an. Er kenne ihn vom Namen und will ihm eine leichtere Arbeit in der Küche besorgen. Dennoch sind die Arbeitsbedingungen sehr hart und fordern täglich Opfer. Mit der Einweisung in den Krankenbau droht täglich die Selektion durch SS-Ärzte und Überstellung nach Birkenau. Auch Berni kommt in den Krankenbau. Wieder hat er Glück. Es helfen ihm langeinsitzende Funktionshäftlinge, viele davon Kommunisten und spätere Spitzen in der DDR. Berni erlebt, schwer krank ans Bett gefesselt, im Januar 45 die Befreiung durch die Rote Armee.

Die Befreiung ist für Berni der Beginn eines neuen Lebens, nun unter dem Namen Barukh Valhaimer (Baruch war der Name seines Großvaters).

Er geht nach Israel und wird dort Fachmann und Leiter der Milchwirtschaft in mehreren Kibbuzim. Er heiratet Ester Luxemburg aus Lodz, ebenfalls eine Holocaustüberlebende. Das Paar bekommt zwei Kinder.

In Israel geht alle Kraft in die Sicherung der familiären Grundexistenz. Wenn Berni im Wachdienst seines Dorfes eingeteilt ist, trägt er Tag- und Nacht ein Gewehr bei sich – zur Abwehr drohender Überfälle der Palästinenser.

Berni und seine Frau verständigen sich untereinander in West- und Ost-Jiddisch. In der Familie am Tisch wird über das früher Erlebte nicht gesprochen. Berni kann es erst seinen Enkeln erzählen.

Der Besuch seiner alten Heimat ist ihm zunächst nicht möglich. Schließlich besucht er Aurich doch mehrmals. Am 5.02.2006 stirbt er in Karkur, im Jahr 2007 stirbt seine Frau Ester.

Im Mai 1986 versammeln sich Groß Breesener aus allen Ländern zum Goldenen Treffen in Shavej Zion in Galiläa.

An Verlegung des Stolpersteins für Berni Wallheimer nahm auch sein ebenfalls überlebender Mithäftling Albrecht Weinberg teil (s. Bericht von der 3. Verlegung).
Mit diesem Link kann man ihn sprechen hören und sehen.

Recherche: Jörg Peter (Stand: 11.12.2012)
Eingabe: Hans-Jürgen Westermayer
Foto: Berni Wallheimer mit seinen Cousins Benni Samson und Josef Wallheimer im Garten von Rudolph-Eucken-Allee 4, 1937
Gut Neuendorf vor der Wende
Berni Wallheimer ca. 1955
Berni Wallheimer bei einem Interview 1998
Opfergruppe: Juden
Quellen: Staatsarchiv Aurich: Rep. 251 Nr. 15, 815 und 1158; 360; 107, 2618; Werner T. Angress: Generation zwischen Furcht und Hoffnung. Jüdische Jugend im Dritten Reicht. Christians, Hamburg 1985; Landkreis Aurich DVD 4690034
Literatur:
Patenschaft: Marie-Anne Heuter/Jochen Oberdiek
Verlegetermin: 12. Juni 2012

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Bernie Wallheimer 1998

Neuendorf

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