Das Projekt

Veröffentlicht: 27. September 2011 von Leon in Verlegung


Stolpersteine
Die Idee
Der Künstler
Dezentrale Gedenkstätte
Stolpersteine in Aurich
Patenschaft
Homepage
Kritik

Nein, nein man stolpert nicht und fällt hin,
man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“
1)

Stolpersteine

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Die Steine sollen an das Schicksal der Menschen erinnern, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die Stolpersteine sind kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet. Sie werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in das Pflaster des Gehweges eingelassen.

Die Idee

Schon 1990 setzte sich Gunter Demnig künstlerisch mit der Deportation der Sinti und Roma aus Köln auseinander und verlegte 1992 einen Stein mit Messingplatte, auf dem die ersten Zeilen des Himmler-Erlasses zur Deportation von Zigeunern zu lesen waren. Demnig entwickelte die Idee weiter zum Projekt „Stolpersteine“, das zunächst nur ein theoretisches Konzept war. Am 4. Januar 1995 verlegte Demnig probeweise und ohne Genehmigung die ersten Gedenksteine in Köln. Es folgten Verlegungen in Berlin und St. Georgen (bei Salzburg).

Demnigs Intention ist unter anderem, den NS-Opfern, die in den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückzugeben. Das Bücken, um die Texte auf den Stolpersteinen zu lesen, soll auch eine symbolische Verbeugung vor den Opfern sein. Außerdem soll die Markierung der Tatorte – häufig mitten in dichtbesiedelten Bereichen – die von einigen Zeitzeugen vorgebrachte Schutzbehauptung, dass man von den Deportationen nichts mitbekommen habe, in Frage stellen.

Jedes Opfer erhält einen eigenen Stein. Gedacht wird mit diesem Projekt aller verfolgten, ermordeten Opfern des Nationalsozialismus: Jüdischer Bürger, Sinti und Roma, politisch Verfolgter, religiös Verfolgter, Zeugen Jehovas, Homosexueller und Euthanasieopfer; ‒ letztlich aller Menschen, die unter diesem Regime leiden mussten.

Demnigs Anliegen ist es auch, im Gedenken die Familien wieder „zusammenzuführen“. Deshalb werden auch überlebende Familienangehörige einbezogen (z.B. Kinder, die in Sicherheit gebracht werden konnten; Angehörige, denen die Flucht gelang; KZ-Überlebende; u.a.).

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Gunter Demnig. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Auf den Steinen steht geschrieben: HIER WOHNTE… Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch.

Der Künstler

Gunter Demnig wurde 1947 in Berlin geboren. Er studierte ab 1967 Kunstpädagogik und Industrial Design an der Hochschule für bildende Künste Berlin (HfbK) und später freie Kunst an der Universität Kassel. Seit 1985 unterhält Demnig ein eigenes Atelier in Köln.

Gunter Demnig bezeichnet sich selbst als „Spurenleger“. So hat er sich in seinem künstlerischen Werk der Aufgabe gewidmet, die Spuren, die Völkermord und Krieg hinterlassen haben, nachzuzeichnen.

In den Siebzigerjahren wurde Demnig in Berlin wegen einer Kunstaktion gegen den Vietnamkrieg verhaftet. Das war der Beginn seiner Karriere als politischer Künstler. 1985 brachte Demnig zur Hamburger Friedensbiennale rund 1200 Friedens- und Freundschaftsverträge aus über 4000 Jahren Menschheitsgeschichte auf eine zwölf Meter lange dünne Rolle aus Dachdeckerblei auf. Zur Erinnerung an die Deportation der Sinti und Roma aus Köln im Jahr 1940 zog er eine Kreidespur durch Köln, die den Weg der Deportierten vom Sammelplatz bis zur Verladerampe nachzeichnete.

Dezentrale Gedenkstätte

Erst im Jahr 2000 konnten in Köln die ersten amtlich genehmigten Stolpersteine verlegt werden. Mittlerweile hat sich das Projekt zur weltweit größten dezentralen Gedenkstätte entwickelt – eine dezentrale Gedenkstätte, bei der das Erinnern nicht im Ritual erstarrt, bei der das ungeheuerliche Verbrechen nicht abstrakt bleibt. An fast 600 Orten in Deutschland und in mehreren Ländern Europas sind mittlerweile Stolpersteine verlegt.

Das Gedenken findet durch die Stolpersteine nicht weitab des Alltags, beispielsweise an Gedenkstätten oder zu festgelegten Tagen, sondern in der Mitte des Lebens statt.

Am 4. Oktober 2006 erhielt Gunter Demnig vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler „für sein langjähriges Engagement im kulturellen Bereich“ das Bundesverdienstkreuz.

Stolpersteine in Aurich

Nach einem Stadtratsbeschluss wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die seit Oktober 2010 die Verlegung von Stolpersteinen in Aurich vorbereitet. Die AG bestand zunächst aus einem Mitglied der Stadtverwaltung, aus Mitgliedern des Stadtrates und einem Vertreter der DIG-Ostfriesland. Nach und nach konnten weitere Mitglieder – Mitarbeiter des Staatsarchivs Aurich und Lehrkräfte verschiedener Auricher Schulen – für die Mitarbeit gewonnen werden.

Eine Recherchegruppe, angegliedert an die Arbeitsgruppe der Stadt, soll die Aufgabe übernehmen, in Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv Aurich die Lebensdaten und weitere Informationen über die Opfer zu sammeln. Für diese Arbeit sollen auch Oberstufenschülerinnen und –schüler gewonnen werden. Die Ergebnisse der Recherche sind Grundlage für die Beschriftung der Stolpersteine, für die Biographien auf der Homepage „Stolpersteine Aurich“ und für eine gedruckte Dokumentation, die zum Abschluss der Verlegungen in Aurich erscheinen soll.

Ein Arbeitskreis beim Regionalen Pädagogischen Zentrum Aurich „Stolpersteine Aurich – die Gedenksteine im Unterricht“ soll Material und Projekte erarbeiten, die zur Einbeziehung der Stolpersteine in den Unterricht anregen sollen.

Die erste Verlegung eines Stolpersteins in Aurich fand am 08. November 2011 vor dem Haus Osterstraße 30 statt (s. Verlegung). Anschließend wurden Stolpersteine vor den Häusern Osterstraße 11, Osterstraße 8, Marktplatz 15, Norderstraße 8 und Norderstraße 28 verlegt.

In den nächsten 2-3 Jahren ist die Verlegung von ca. 300 weiteren Gedenksteinen vorgesehen. Aufgrund der Straßensanierungsarbeiten in der Auricher Innenstadt kann die Verlegung allerdings nur in größeren Zeitabständen erfolgen.

Die Verlegung der Gedenksteine wird in Zukunft von Schülern der Berufsbildenden Schulen Aurich übernommen – eine weiter Verbindung zwischen dem Projekt und der jungen Generation in Aurich.

Patenschaft


Das Projekt legt großen Wert darauf, dass die einzelnen Gedenksteine von Bürgern finanziert werden. Damit soll der persönliche Bezug zu den ehemaligen Mitbürgern hergestellt werden. Die Verlegungsaktion ist also auf Spenden von Mitbürgern angewiesen, die damit eine Patenschaft für einen Gedenkstein übernehmen (s. Pate werden).

Homepage

Auf der Homepage „Stolpersteine Aurich“, die von Schülern des Gymnasiums Ulricianum Aurich gestaltet wird, sollen zentral Biografien und Verfolgungsschicksale der früheren Auricher Bürger zusammengetragen werden, für die bislang ein Stolperstein verlegt wurde oder noch verlegt werden soll. Die Einträge erfolgen nach und nach und werden nie „fertig“ sein – weitere Recherchen und die Mitarbeit von Schulprojekten sind ausdrücklich erwünscht! Wir bedanken uns schon hier bei allen Menschen und Institutionen, auf deren Hilfe und Engagement die folgenden Informationen beruhen.

Kritik

Kritik an Demnigs Projekt kommt z. B. von Charlotte Knobloch, der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie formuliert Bedenken, die immer wieder zu hören sind, wenn sie es als „unerträglich“ bezeichnet, die Namen ermordeter Juden auf Tafeln zu lesen, die in den Boden eingelassen sind und auf denen mit Füßen „herumgetreten“ werde.2) Frau Knobloch findet allerdings mit ihren Bedenken im Zentralrat wenig Unterstützung.

Dennoch berufen sich Städte, die die Verlegung von Stolpersteinen ablehnen, meist auf die Kritik von Knobloch. Das bekannteste Beispiel ist München, wo die beiden einzigen auf öffentlichem Grund verlegten Stolpersteine wieder aus dem Bürgersteig entfernt wurden, da Stadtrat und jüdische Gemeinde sich gegen Stolpersteine entschieden.

Teilweise kritisieren auch Hausbesitzer oder Mieter, vor deren Häusern die Stolpersteine verlegt werden, das Projekt. Sie befürchten eine Wertminderung oder lehnen das Projekt grundsätzlich ab. Das Landgericht Stuttgart fällte in einem örtlichen Fall ein Urteil, das Juristen für eine Grundsatzentscheidung zugunsten der Kunstobjekte werten. Stolpersteine stellen demnach keine Beeinträchtigung oder Wertminderung von Eigentum dar und müssen daher nicht entfernt werden.3)

  1. Antwort eines Schülers auf die tatsächliche Stolpergefahr, zit. in einem Interview mit Gunter Demnig bei Arte 2008.
  2. Süddeutsche Zeitung v. 12.06.2004.
  3. Sueddeutsche.de v. 15.09.2011.

Weitere Informationen:
http://www.stolpersteine.com/
http://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine

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